Wissen und Vorurteile über Autismus im Jobcenter

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Ziel der Untersuchung war es, das Wissen über Autismus und autistische Stärken bei Mitarbeitern in Berliner Jobcentern zu ermitteln. Des Weiteren sollten Persönlichkeitseigenschaften und das Ausmaß negativer Bewertung von autismustypischen Verhaltensweisen untersucht werden.

Die Ergebnisse dieser Studie hat die AFK im Dezember 2008 im Rahmen der 2. Wissenschaftlichen Tagung Autismus-Spektrum (WTAS) in Frankfurt vorgestellt.

Unser Flyer
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Wissenschaftliches Poster
für die WTAS 2008


Website-Beitrag über die AFK und Jobcenter-Studie
bei Quarks & Co

Artikel von Nicole Schuster über die AFK

 

Abstract für die WTAS 2008

Wissen und Vorurteile über Autismus im Jobcenter:
Eine erste Studie der Autismus-Forschungskooperation (AFK)

Hintergrund: Die Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK) ist ein Zusammenschluss von Menschen aus dem autistischen Spektrum und Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin. Ziel der AFK ist die gemeinsame Durchführung von Forschungsstudien, die für autistische Erwachsene relevante Fragestellungen beantworten sollen. Basierend auf negativen Erfahrungen bei Beratung und Vermittlung, wurde als erstes Projekt der AFK eine Befragung zum Thema Autismus in Berliner Jobcentern durchgeführt.

Fragestellung: Ziel der vorliegenden Studie war die Untersuchung von vorhandenem Wissen über Autismus und speziellen Persönlichkeitseigenschaften von Mitarbeitern in Berliner Jobcentern. Des Weiteren sollte das Ausmaß negativer Bewertung von autismus-typischen Verhaltensweisen untersucht werden.

Methode: Ein neuer Fragebogen wurde entwickelt, um 1. das Wissen über Autismus (Diagnosekriterien, Vorurteile, Stärken), 2. Persönlichkeitseigenschaften (Toleranz, Empathie, Bereitschaft zur Veränderung) und 3. die Bewertung autismus-typischer Verhaltensweisen (z.B. von geringem Augenkontakt, motorischer Unruhe) zu ermitteln. Der Fragebogen wurde von 57 Mitarbeitern der Berliner Jobcenter Marzahn-Hellersdorf und Charlottenburg-Wilmersdorf ausgefüllt. Außerdem wurde er von 20 Autismus-Experten (Psychologen und Psychiater aus Uni-Kliniken/Autismus-Therapiezentren in Deutschland und Schweiz) ausgefüllt, die als Vergleichsgruppe dienten.

Ergebnisse:Die Jobcenter-Mitarbeiter wußten signifikant weniger über Autimus als die Autismus-Experten (alle p < 0.05). Dagegen zeigten sich keine signifikanten Gruppenunterschiede bezüglich der Persönlichkeitseigenschaften (alle p > 0.15). Signifikant war jedoch der Unterschied in der Berwertung autismus-typischer Verhaltensweisen, welche von den Jobcenter-Mitarbeitern als negativer bewertet wurden (p = 0.04).

Diskussion & Schlussfolgerung:
Mitarbeiter von Berliner Jobcentern wissen noch zu wenig über das Thema Autismus. Dabei ist ein fundiertes Wissen über das Profil der Schwächen und Stärken von Menschen mit Autismus essentiell für eine erfolgreiche Berufsberatung und Arbeitsvermittlung. Autistische Verhaltensweisen werden von Jobcenter-Mitarbeitern negativer bewertet als von Autismus-Experten, obwohl sie über genau so viel Toleranz, Empathie und Bereitschaft zur Veränderung berichten wie die Vergleichsgruppe. Mittelfristiges Ziel der AFK ist die Vermittlung von mehr Wissen über Autismus in Jobcentern, das langfristig zu weniger negativer Bewertung von – und optimiertem Service für autistische Menschen führen soll.

Sponsoren: /
Interessenkonflikte: /

Jennifer Kirchner1,2, Christoph Chwiekowsky2, Sebastian Dern2, Rainer Döhle2, Robert Elias2, Ernest Götz2, Peter Gottschlich2, N. Grambert2, Fee Hoppmann1,2, Dorit Kliemann1,2, Uwe Krey2, Fabian Melzow2, Steven Purwins2, Silke Schulz2, Maike Vahrenkamp2, Ingo Wolf1,2, Isabel Dziobek1,2
1Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin
2Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK) Berlin

Bericht zum AFK-Beitrag auf der WTAS 2008

(von Rainer Döhle / Aspies e.V.

Die Autismus-Forschungs-Kooperation (AFK) ist ein Forschungsprojekt, bei dem Autisten und Mitarbeiter/innen des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin zusammenarbeiten, um Fragen zu erforschen, die für autistische Menschen von Relevanz sind. Es ist in Deutschland das erste Mal, dass Autisten nicht lediglich Objekt der Forschung sind, sondern gleichberechtigt mit NT-Forschern mitwirken an der Erforschung von Sachfragen im Bereich Autismus und dabei ihr intellektuelles Know-how ebenso einbringen wie die Innenperspektive zum Thema, die nichtautistischen Forschern naturgemäß fehlt.

In detaillierter Kleinarbeit hat sich die AFK dabei zunächst rund ein Jahr lang mit der Frage beschäftigt, in welchem Maße das Wissen über Autismus in verschiedenen Bevölkerungsgruppen verbreitet ist, wie hoch das Maß an Vorurteilen, an Toleranz und Empathie in diesen Gruppen ist und wie von diesen Menschen spezifisch autistische Verhaltensweisen bewertet werden.

Für die WTAS-Tagung (Wissenschaftliche Tagung Autismus-Spektrum) wurde dabei gezielt die Gruppe der Mitarbeiter der Jobcenter herausgesucht, da gerade die Arbeitsvermittlung autistischer Menschen besondere Poblemlagen aufweist: Obwohl sehr viele Autisten über ein hohes Maß an Fachwissen und Intelligenz verfügen, ist dennoch regelmäßig zu beobachten, dass Autisten in die Arbeitslosigkeit geraten oder in Jobs vermittelt werden, die nicht ihrem Fähigkeitsprofil entsprechen. Daher war es uns wichtig, zu untersuchen, wie die Mitarbeiter der Jobcenter mit dem Autismus umgehen.

Was die Methodik angeht, war natürlich das Arbeiten nach strengen wissenschaftlichen Standards oberstes Gebot, d.h. unsere Stichprobe musste ausreichen groß sein, um Repräsentativität zu gewährleisten; auch die Analyse und Auswertung der Daten, an der die Autisten selbst ebenfalls maßgeblich mitgewirkt haben, musste wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Wir sind so vorgegangen, dass wir Fragebögen an verschiedene Jobcenter geschickt haben; von über 50 Mitarbeitern haben wir dann einen Rücklauf bekommen. Als Referenzgruppe haben wir Autismus-Fachkräfte gewählt, d.h. Fachpsychologen, die auf das Thema spezialisiert sind (die Ärzteliste von Aspies e.V. hat hier bei der Suche nach Probanden wertvolle Dienste geleistet). Abgefragt wurde bei beiden Gruppen neben Hintergrundvariablen wie Alter, Geschlecht, Beruf unter anderem, wie man die Häufigkeit von Autismus einschätzt, welche Symptome man zu den Diagnosekriterien rechnet, u.ä. Außerdem wurde gefragt, für wie tolerant man sich einschätzt, ob man sich selbst für empathiefähig hält und inwieweit man bereit ist, sein eigenes Verhalten zu ändern. Schließlich war uns noch die Frage wichtig, wie man spezifisch autistische Verhaltensweisen (mangelnder Augenkontakt, Schwierigkeiten bei der Kommunikation, beim Erkennen nonverbaler Signale oder sozialer Konventionen) bewertet.

Als Ergebnis ist festzuhalten, dass die Jobcenter-Mitarbeiter, was nicht verwundert, über deutlich weniger Fachwissen zum Thema Autismus verfügen als Autismus-Experten, dass aber, zumindest wenn man nach den entsprechenden Selbstaussagen geht, bei Toleranz und Empathie gegenüber anderen Menschen keine signifikanten Unterschiede zwischen Jobcenter-Mitarbeitern und Experten festzustellen ist. Dennoch bewerten Jobcenter-Mitarbeiter spezifisch autistische Verhaltensweise deutlich negativer als die Experten.

Die Tagung fand dann am 3.11. im Campus Westend (dem früheren IG-Farben-Gebäude) der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität statt. Die Posterpräsentation machte dabei allerdings nur einen kleinen Teil aus; der überwiegende Teil bestand

aus Vorträgen, die von Forschern aus den verschiedensten Ländern gehalten wurden, sodass nur rund die Hälfte der Vorträge auf deutsch, die andere Hälfte dagegen auf englisch war.

Insgesamt waren auf der gut 8-stündigen Veranstaltung 19 Vorträge zu hören. Auch Isabel Dziobek und Jennifer Kirchner, die an der AFK mitgewirkt haben, haben Einzelvorträge gehalten. Abgedeckt wurden die Themenkomplexe Neuropsychologie und Neurophysiologie, Screening-Verfahren bei Autismus, Neuroimaging, Genetik, sowie Klassifikation und Intervention. Auffallend für mich war, dass insbesondere die Bereiche MRT-Untersuchungen und Eyetracking offenbar aktuell eine hohe Bedeutung haben, da sich mehrere Vorträge damit befasst haben, vor allem im Zusammenhang mit der Frage, in welchem Maß und in welcher Form Empathie bei Autisten vorhanden ist. Außerdem wurde die Rolle des Neurotransmitters Oxytocin mehrfach angesprochen, sowohl auf der Ebene des Neuroimaging als auch auf der der Genetik. Im Bereich der Therapeutik wurde zum einen die Kommunikation mittels Bildkarten angesprochen, die stärker beeinträchtigten Autisten ermöglichen soll, ihre Wünsche auszudrücken. Zum anderen wurde eine Schweizer Gruppe vorgestellt, die Kompetenztraining für Jugendliche mit Autismus (KOMPASS) anbietet.

Die Posterbegehung fand dann am Nachmittag statt. Insgesamt präsentierten sich an den entsprechenden Stellwänden rund ein Dutzend Projekte. Unmittelbar neben unserem Poster befand sich ein Poster, das sich mit der Frage der Beziehung zwischen Autismus und Kriminalität befasste – offenbar war dieses Thema spektakulär genug, um eine größere Zahl an Neugierigen anzulocken. Unser eigenes Poster blieb dagegen anfangs eher unbeachtet, dann zeigten sich aber doch einige interessiert und wir konnten unser Projekt vorstellen. Es kam dabei auch die Frage auf, welche weiteren Untersuchungen die AFK angestellt habe; neben der Gruppe der Jobcenter-Mitarbeiter hatten wir auch Allgemeinmediziner, die Durchschnittsbevölkerung, sowie Lehrer untersucht; letzteres interessierte einen der Tagungsteilnehmer besonders, der persönlich mit autistischen Schülern zu tun hatte. Aber auch ein Forscher aus Indien zeigte sich neugierig über die Situation in Deutschland und wie weit hierzulande ein Bewusstsein zum Thema Autismus in der Öffentlichkeit besteht.

Insgesamt lässt sich ein positives Fazit ziehen. Auch wenn bei der Posterprämierung am Ende unser Poster keinen Preis abbekam, ist doch festzuhalten, dass auch der Beitrag autistischer Menschen an der Forschung wahrgenommen und auch ernst genommen wird und dass die Zusammenarbeit mit der Welt der Forscher funktioniert und fruchtbare und interessante Ergebnisse erbringen kann.

Der naheliegende Erklärungsansatz ist also der, dass das Fachwissen hier den Unterschied ausmacht, dass also die negative Bewertung etwa des fehlenden Augenkontakts nicht in einem Mangel an Toleranz begründet ist, sondern im fehlenden Hintergrundwissen. Dem könnte man aber durch entsprechende Information und Aufklärung in den Behörden abhelfen.
Für die WTAS-Tagung in Frankfurt wurde nun ein Poster erstellt, das den Hintergrund des Projekts, die Methodik und die Ergebnisse zusammenfasst. Vor der Fahrt nach Frankfurt wurde dann auch noch einmal eingehend geprobt, wie wir interessierten Tagungsteilnehmern, die auf unser Poster stoßen, in 3-4 Minuten erklären, worum es bei dem Ganzen geht.